Von Helmut Buchholz
Der Komponist, sein Notenblatt und die Turmkapelle: ein besonderer Ort für Thomas Astfalk und das Böckinger Te Deum.Foto: Dittmar Dirks
Heilbronn - Thomas Astfalk ist nicht Georg Friedrich Händel. Der Bezirkskantor wäre nie so vermessen, sich mit dem berühmten Komponisten aus dem 17. Jahrhundert vergleichen zu wollen. Dennoch versucht der 48-Jährige es dem Haus- und Hofmusiker des britischen Königshauses in einem gleich zu tun: Er hat wie sein großer Vorgänger ein Te Deum komponiert. Nun ist nicht zu erwarten, dass der Lobgesang des Böckingers so berühmt wird wie der von Händel. Allerdings werden die Zuhörer beim zehnten Neujahrskonzert in der Stadtkirche eine gute Gelegenheit haben, die Stücke zu vergleichen. Zunächst wird der Böckinger Kammerchor, begleitet vom Heilbronner Nikolai-Ensemble, das Astfalk-Werk uraufführen. Danach steht dann das klassische Dettinger Te Deum auf dem Programm.
Die Unterschiede werden enorm sein. So viel lässt sich jetzt schon sagen. Denn Astfalks Komposition ist mit sieben Minuten nicht nur rund 40 Minuten kürzer als Händels Siegeshymne. Astfalk hat sich ganz bewusst von der Vorlage gelöst, etwas ganz Neues geschaffen und etwas hinzugefügt, das das Te Deum erst zu einem Böckinger Te Deum macht. Und etwas, wie er erklärt, „das von Händel weit entfernt ist“.
Einfach Anders als bei Händel ist der Text: Psalm 148, ein Lobpsalm, der im Zentrum steht und um den herum das alte, von Händel verworfene Te-Deum-Thema als Kehrvers immer wieder auftaucht. Text und Melodie des Te Deums reichen bis ins 4. Jahrhundert zurück. Hat Böckingen ähnliche geschichtliche Wurzeln? Bei diesem Gedanken kam Astfalk die Turmkapelle der Stadtkirche in den Sinn, die mit alten Grabplatten und Fresken einige Zeugen aus dem Mittelalter bewahrt hat und möglicherweise schon aus dem 8. Jahrhundert stammt. Damit ist dieser Raum der älteste von Böckingen, vielleicht sogar von Heilbronn. Astfalk fasste den kühnen Entschluss, für diesen Ort, die Stadtkirche, ein Te Deum zu komponieren, das fast ganz aus dem Material des alten Te Deums besteht – mit einigen Tricks aus der musikalischen Werkzeugkiste. Da erinnert kaum noch etwas an den Händelschen Barock. „Die Musik ist einfach, original, fast archaisch und dringt in neue Klangräume vor“, beschreibt Astfalk seine Idee. Ungewöhnlich wird das Schlagwerk sein, das mit Woodclocks, Tom, Becken und Glocken dem Werk eine besondere Note geben wird. Der Clou aber ist, dass Astfalks Musik kein statisches Stück sein wird. Wenn der Sänger das erste Mal das Te Deum singt, wird er aus der Turmkapelle der Stadtkirche treten. Ein mit Bedacht gewählter Auftritt.
Wichtige Wurzeln Warum das wichtig ist? „Ich will Böckingen an seine Geschichte erinnern und daran, dass die bedeutenden Errungenschaften unserer Zeit aus den christlichen Wurzeln des Abendlandes kommen“, erklärt Thomas Astfalk. Die Dankbarkeit für eine Jahrhunderte alte christliche Tradition, auch in Böckingen, und die Mahnung, diese Wurzeln nicht gedankenlos zu kappen, sind die Anliegen des Komponisten.